Aktuelles » „Live Hacking – so brechen Hacker in IT-Netze ein“ - packende Präsentation von Sebastian Schreiber
Der Fachmann brauchte sich nicht großartig anstrengen. Nur wenige Sekunden und ein paar simple Mausklicks, schon hatte sich der Tübinger IT-Experte Sebastian Schreiber in einen Onlineshop eingehackt, den Passwortschutz eines Handys geknackt und Kreditkarten-Prüfnummern ausgespäht. Schreiber war Referent bei der ersten Infoveranstaltung des Vereins „Sicheres Netz hilft“ am Donnerstag im Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod – und demonstrierte vor rund 80 Besuchern eindrucksvoll, wie leicht scheinbar sichere Datennetze auszuhebeln sind.

IT-Experte Sebastian Schreiber sorgte für verblüfftes Staunen im Saal.
Markus Wortmann, Kriminologe und Vorsitzender des Vereins, hatte nicht zu viel versprochen, als er einen „sehr spannenden Vortrag“ ankündigte. Sebastian Schreiber, Geschäftsführer der IT-Firma SySS, bannte beim Auftakt der Informationsreihe „Sicher im Netz“ die kollektive Aufmerksamkeit: Vor hochrangigen Vertretern aus Polizei, Justiz, Verwaltung und Ehrenamtlern veranschaulichte er Sicherheitslücken im Internet und anderen Datensystemen, die für viele Besucher zum selbstverständlichen täglichen Umgang gehören. Mit seiner packenden 90-minütigen Präsentation „Live Hacking – so brechen Hacker in IT-Netze ein“ sorgte er vielfach für verblüfftes Staunen im Saal.

Rund 80 Besucher waren ins Wilhelm-Kempf-Haus in Wiesbaden-Naurod gekommen.
Schreibers Knowhow kommt nicht von ungefähr. Der Diplom-Informatiker ist „Penetrationstester“, wie es im Fachjargon heißt: Mit seiner Firma nimmt er regelmäßig professionelle Hackerattacken vor – oft im Auftrag von Konzernen. „Unsere Arbeit besteht darin, die Netze großer Unternehmen auf Schwachstellen zu überprüfen“, umriss der Referent. Denn was auf den ersten Blick sicher scheint, ist in Wirklichkeit häufig leicht angreifbar: „Wenn man Sicherheitssysteme kritisch hinterfragt, dann trügt oft der Schein!“
Nachahmen ausdrücklich verboten: Der Vortrag des Schwaben war ein Parforceritt durch die Möglichkeiten der Manipulation. Mit spielerischer Leichtigkeit zweckentfremdete Schreiber ein Mobiltelefon als Wanze, manipulierte Highscores bei einem Onlinespiel, knackte den Passwortschutz auf USB-Sticks und Laptops oder griff Zahlungssysteme im Internet an – ein „Dorado für Hacker“, wie er kommentierte. Erstaunte Lacher erntete Schreiber, als er ein Onlineshop-System attackierte: Durch einen einfachen Handgriff kostete eine edle Ledertasche plötzlich nicht mehr 135 Euro, sondern nur noch zwei Euro. „Selbst renommierte Shopsysteme zeigen sich nicht immun“, verdeutlichte der IT-Spezialist.
Mit der ersten Infoveranstaltung, die „Sicheres Netz hilft“ mit dem Landesverband Hessen der Opferschutzorganisation Weisser Ring und der Auerbach Stiftung durchführte, war der junge Verein am Puls der Zeit: Wie Markus Wortmann ausführte, verzeichne die Polizeiliche Kriminalstatistik seit Jahren steigende Zahlen bei der Internetkriminalität. Er sprach von 75 000 gemeldeten Fällen 2009, die Dunkelziffer liege mutmaßlich deutlich höher – Delikte wie Cyber-Stalking, Mobbing oder Phishing, das Ausspähen von Daten. Nicht umsonst gebe es seit 2007 eigene Internet-Fachkommissariate bei der Polizei.
Dennoch: „Prävention ist das einzig Wirksame in diesem Bereich“, mahnte Wortmann. Umso wichtiger sei es, sich auszutauschen und sich gegenseitig kennen zu lernen. Sein Verein habe sich gezielt einem Leitgedanken verschrieben: Kriminalprävention in einem sich selbst verstärkenden Netzwerk – qualifiziert, interdisziplinär, nachhaltig: „Wir wollen motivieren und animieren.“ „Sicheres Netz hilft“ ist selbst in mehrere Netzwerke eingebettet. Es gehe darum, geschlossen ein Ziel zu verfolgen: Opferschutz, Kriminalprävention. „Ich alleine gibt es nicht – es geht immer ums Wir!“ Konkurrenzdenken dürfe es in der Sache nicht geben, vielmehr führe ein wertschätzendes Miteinander zum Ziel.
Wortmann zeigte sich erfreut über die große Resonanz vieler Berufs- und Interessengruppen bei der ersten Infoveranstaltung. Unter den Anwesenden waren Peter Frerichs, Polizeipräsident von Westhessen, Roland Ullmann, Polizeivizepräsident von Südosthessen, Oberstaatsanwalt Andreas May von der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft, Oberstleutnant Klaus Gruber vom österreichischen Bundesinnenministerium, Kriminalbeamte des Hessischen Ministeriums des Inneren und für Sport sowie viele Ehrenamtliche. Gerade die Kommunikation an der Basis sei unerlässlich, so Wortmann: „Die Vermittlung von Internetsicherheit und das Erlangen von Medienkompetenz bieten einen wirkungsvollen Schutz vor Cyberkriminellen und verringern die Gefahr, Opfer zu werden.“

Markus Wortmann, Kriminologe und Vorsitzender des Vereins Das Grußwort hielt Ministerialdirigent Dr. Helmut Fünfsinn
Claudia Spohr, Betriebswirtin und Gründungsmitglied von „Sicheres Netz hilft“, verdeutlichte bei der Vereinsvorstellung ebenfalls die Bedeutung des Zusammenwirkens: „Jede Berufsgruppe hat ihre eigene Qualifikation, Motivation, Kompetenz – wir wollen das Wissen aller an einen Tisch bringen.“ Die interdisziplinäre Ausrichtung des Vereins mit Beteiligten verschiedener Fachrichtungen verdeutliche dies. „Wir wollen die Medienkompetenz von Kindern und Jugendlichen stärken. Neue Medien gehören zu unserer Welt – wir wollen sie nicht verteufeln, sondern sensibilisieren, aufklären, fitmachen!“
Als eines der Aufgabenfelder erwähnte Claudia Spohr die Entwicklung eigener Projekte und Konzepte. So biete der Verein etwa gemeinsam mit dem „Netzwerk gegen Gewalt“ und Microsoft Deutschland GmbH die Ausbildung zum „Internet-Medien-Coach“ (IMC) an – eine zweitägige akkreditierte Schulung für Multiplikatoren, die die bislang einzige TÜV-zertifizierte Ausbildung dieser Art deutschlandweit ist. Seit 2008 habe es zehn solcher Fortbildungen mit bisher 222 Absolventen gegeben. Gemeinsam mit Marco Weller, Geschäftsführer des „Netzwerks gegen Gewalt“, überreichte Claudia Spohr fünf neuen Internet-Medien-Coaches ihre Zertifikate.

Einige der neuen Internet-Medien-Coaches bekamen im Rahmen der Veranstaltung von Marco Weller (2.v.l.) ihre Zertifikate überreicht.
Ministerialdirigent Dr. Helmut Fünfsinn, einer der Paten des Vereins, entrichtete das Grußwort an die Teilnehmer und lobte die Bemühungen von „Sicheres Netz hilft“ ausdrücklich. Es sei ein spürbares Anliegen der Verantwortlichen, Menschen zu einem sicheren Umgang mit dem Internet zu führen. Horst Cerny, Landesvorsitzender des Weissen Rings, hob den Kooperationsvertrag hervor, den sein Landesverband unlängst mit dem Verein „Sicheres Netz hilft“ geschlossen hat. Er kündigte weitere Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit Wortmanns Verein an.
(Text und Fotos: Norman Stahl)




